Titel: Mein Buch von großen und kleinen Freunden — Vorlesebuch
Hrsg.: Sabine Schuler
Verlag: Ravensburger Verlag
Jahr: 1997
ISBN: 9783473520879

Vorlesebücher sind mehr als bloße Geschichten zwischen zwei Buchdeckeln – sie sind Brücken. Sie verbinden Generationen, schaffen gemeinsame Erinnerungen und öffnen Türen zu Fantasie, Sprache und Gefühl. Wenn ein Mensch einem Kind vorliest, entsteht ein besonderer Moment: Die Welt draußen tritt in den Hintergrund, während Stimmen Figuren lebendig werden lassen und Worte Bilder im Kopf entstehen.

Schon früh fördern Vorlesebücher die Sprachentwicklung. Kinder hören neue Wörter, Satzstrukturen und Ausdrucksweisen, lange bevor sie selbst lesen können. Doch der Wert geht weit über das Sprachliche hinaus. In Geschichten begegnen sie Mut, Angst, Freundschaft, Verlust oder Neugier – und lernen, diese Gefühle einzuordnen. Ein Vorlesebuch kann Trost spenden, Mut machen oder einfach Freude bereiten. Zugleich stärkt das Vorlesen die Beziehung zwischen Vorlesenden und Zuhörenden. Das gemeinsame Lachen über eine lustige Szene oder das gespannte Warten auf das Ende eines Abenteuers schafft Nähe. Rituale – etwa die Geschichte vor dem Einschlafen – geben Sicherheit und Struktur im Alltag.

In einer Zeit digitaler Reizüberflutung gewinnen Vorlesebücher eine besondere Bedeutung. Sie laden zur Entschleunigung ein. Anders als schnelle Bilder auf Bildschirmen verlangt das Vorlesen Aufmerksamkeit und Geduld – und schenkt dafür Tiefe. Die Fantasie der Zuhörenden wird aktiv, weil sie sich die Welt selbst vorstellen müssen.

P.: Verehrter Herr W., ich habe stets geglaubt, dass Bildung von Herz, Kopf und Hand ausgehen müsse. Das Vorlesen scheint mir ein wunderbares Mittel, diese drei Kräfte zu vereinen. Das Kind hört, fühlt und denkt zugleich.

W.: Sie sprechen von einer Einheit der Kräfte. Ich würde sagen: Im Vorlesen zeigt sich ein Sprachspiel. Worte erhalten ihren Sinn im Gebrauch – hier im gemeinsamen Hören und Reagieren.

P.: Gewiss, der Gebrauch! Doch ich sehe vor allem das Verhältnis zwischen Erzieher und Kind. Wenn die Mutter ihrem Kinde vorliest, entsteht Vertrauen. Auf diesem Vertrauen gründet alles Lernen.

W.: Vertrauen ist eine Voraussetzung jeder Verständigung. Ohne es könnten wir die Regeln des Sprachspiels nicht teilen. Das Kind lernt beim Vorlesen nicht nur Wörter, sondern die Art, wie man auf Wörter antwortet.

P.: Also ist das Vorlesen nicht bloß Vermittlung von Inhalten, sondern Einführung in eine Lebensform?

W.: Genau. Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. Wenn ein Kind „Mut“ in einer Geschichte hört, lernt es, wann wir dieses Wort verwenden – vielleicht beim Helden, vielleicht bei sich selbst.

P.: Dann ist das Vorlesen eine moralische Schule. Es bildet das Herz durch Beispiele.

W.: Vielleicht weniger durch Belehrung als durch Zeigen. Die Geschichte zeigt Möglichkeiten des Handelns. Das Kind sieht – oder besser: hört – eine Welt.

P.: Und durch das Hören wird das Denken vorbereitet. Sprache ordnet die Erfahrung.

W.: Und zugleich setzt sie Grenzen. „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Wenn wir vorlesen, erweitern wir diese Welt – nicht durch Erklärungen, sondern durch neue Ausdrucksweisen.

P.: So treffen sich unsere Gedanken: Das Vorlesen ist Beziehung und Welterweiterung zugleich.

W.: Ja. Es ist ein einfaches, alltägliches Sprachspiel – und gerade deshalb von großer philosophischer Bedeutung.

P.: Dann sollten wir es den Familien dringend empfehlen.

W.: Nicht als Theorie, sondern als Praxis. Man muss es tun, um zu verstehen.

Von Buchleser

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